Stärke zeigen in herausfordernden Zeiten.
Liebe Leser:innen,
Fünf Jahre LWL-Kultur stehen für Bewegung, Erneuerung und klare Entscheidungen. Unser Anspruch war und ist es, Kultur auch unter veränderten Bedingungen aktiv zu gestalten. Der Kulturreport lädt dazu ein, diesen Weg nachzuvollziehen.
Nach den Einschnitten der Corona-Pandemie sind die LWLKultureinrichtungen wieder lebendige Orte: Menschen kommen zusammen und erleben Kultur gemeinsam. Dass wir heute an diesem Punkt stehen, war beim letzten Report alles andere als sicher. Umso mehr freue ich mich, heute auf die letzten Jahre zurückblicken zu können. Er zeigt, dass es uns gelungen ist, Kultur auch unter veränderten Bedingungen zugänglich zu machen.
In diesen letzten Jahren wurde deutlich, dass wir uns in einer Zeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen befinden. Gerade hier hat Kultur ihre besondere Stärke entfaltet: als Ort des Dialogs und der Verständigung, aber auch als Raum, in dem weitergedacht und Zukunft entworfen wird.
Dabei konnten wir auf ein starkes Fundament bauen: das Engagement der Mitarbeitenden, verlässliche Partner:innen und tragfähige Netzwerke. Diese Zusammenarbeit war entscheidend. Nach dem Einbruch im Jahr 2021 erreichten die Besuchszahlen 2025 wieder über 1,62 Millionen Gäste. Das ist ein starkes Zeichen: Das Bedürfnis nach kulturellen Erlebnissen und gemeinsamer Erfahrung ist ungebrochen. Wie intensiv Kultur heute wieder erlebt wird, zeigte sich in den großen Veranstaltungen und Ausstellungen der vergangenen Jahre. So zog die „ExtraSchicht“ auf der Zeche Zollern 2023 über 10.000 Gäste an, die Römertage in Haltern am See waren 2024 mit 15.844 Gästen erneut ein Besuchendenmagnet. Ein besonderer Publikumserfolg war die Ausstellung „Nudes“ mit über 80.000 Besucher:innen im LWL-Museum für Kunst und Kultur. Die Wanderausstellung „Queer Münster – eine andere Geschichte der Stadt“, die bereits vielfach ausgeliehen wurde, zeigt das große Interesse an vielfältigen Perspektiven. Und mit „Container. Die globale Box" gelang im Schiffshebewerk Henrichenburg ein spektakulärer Beitrag: Das aus 15 Containern errichtete fünfstöckige Gebäude „Global Steps" machte weltweite Warenströme greifbar.
Auch die Jubiläen der Freilichtmuseen setzten Akzente. 2021 blickte das heutige LWL-Museum Hellerlecht in Detmold – damals noch LWL-Freilichtmuseum Detmold – unter dem fröhlichen Titel „Juhubiläum" auf seine 50. Eröffnungssaison zurück, 2023 folgte das fünfzigjährige Jubiläum des Freilichtmuseums Hagen. Ein besonderer Höhepunkt war das Jubiläumsjahr „1250 Jahre Westfalen“ unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Jahr 2025, das mit 44 Projekten im gleichnamigen Förderschwerpunkt der LWL-Kulturstiftung die kulturelle Vielfalt der Region sichtbar machte.
Die LWL-Archäologie für Westfalen setzte auch in diesen Jahren wichtige Impulse. Herausragende Entdeckungen wie das älteste Grabmonument Westfalens in Porta Westfalica trugen dazu bei, die Frühgeschichte der Region neu zu fassen. Die Sonderausstellung „Stonehenge“ im LWLMuseum für Archäologie und Kultur in Herne führte durch Raum und Zeit und zeigte überraschend, dass megalithische Bauwerke in Westfalen teils älter sind als das berühmte Monument in Südengland. Im LWL-Museum in der Kaiserpfalz Paderborn eröffnete „Verflixt und zugenäht! Textilien vom Kamp“ eine Reise in die textile Vergangenheit der Stadt. In Workshops konnten historische Techniken wie das Brettchenweben selbst erprobt werden.
Wie sich Archäologie heute vermitteln lässt, zeigte die Altertumskommission für Westfalen anlässlich ihres 125-jährigen Jubiläums: VR-Formaten machten wissenschaftliche Rekonstruktionen an ungewöhnlichen Orten erlebbar und erreichten rund 8.000 Interessierte. Gleichzeitig stellte das neue Denkmalschutzgesetz NRW neue Anforderungen an Archäologie und Baudenkmalpflege und machte den steigenden Fachkräftebedarf deutlich. Der Bereich reagierte darauf mit intensiver Nachwuchsarbeit und großem Engagement.
Unsere wissenschaftlichen Kommissionen brachten aktuelle gesellschaftliche Debatten in die Region. So ordneten das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und die Historische Kommission für Westfalen die Postkolonialismus-Debatte wissenschaftlich ein und öffneten sie für ein breites Publikum. Im Alltagskultur-Blog zeigte die Kommission für Alltagskulturforschung für Westfalen, wie unterhaltsam Alltagsgeschichte sein kann. Mal ging es um das „Ziegenproblem“ im Ravensberger Land, mal um Christbaumschmuck und die Frage, ob früher wirklich mehr Lametta am Baum hing. Die Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens zeigte, wie lebendig Sprache in Westfalen-Lippe ist. Mit der Sprach-App „PALAVA“ lud sie Menschen in Nordrhein-Westfalen ein, ihre Alltagssprache zu teilen. Ob Knust, Knäppchen oder Krüstchen – seit dem Start 2023 haben über 15.000 Nutzer:innen rund 500.000 Antworten beigetragen.
Wie sehr sich inhaltliche Schwerpunkte verschieben, zeigt sich bei den LWL-Museen für Industriekultur. Sie verbinden Industriegeschichte heute stärker mit Fragen der Gegenwart und Zukunft. Ein deutlicher Ausdruck dieses Aufbruchs war „Futur 21 – kunst industrie kultur“, bei dem 32 Künstler:innen 16 historische Industrieorte bespielten. An Standorten wie der Zeche Nachtigall wurden ehemalige Produktionsorte zum Ausgangspunkt, um über Ressourcenverbrauch und Umweltfolgen nachzudenken. Ausstellungen wie „Hidden Costs“ oder „Weg der Kohle“ machen die Folgen industrieller Rohstoffgewinnung sichtbar. Untrennbar damit verbunden ist die kritische Auseinandersetzung mit historischer Verantwortung. Formate wie „Und vergib uns unsere Schuld? Kirchen und Klöster im Nationalsozialismus“ brachten unbequeme Themen ins öffentliche Gespräch.
Kultur gewinnt, wenn sich viele Perspektiven in ihr wiederfinden. Das zeigt sich in vielfältigen Angeboten: In der Ziegelei Lage hieß es „Museum goes Minecraft“. Hier konnten Kinder das Museum digital nachbauen. In Münster machte der Hörspaziergang „Walk like a [female] poet“ weibliche Stimmen im Stadtraum hörbar, in der Glashütte Gernheim entstand mit dem „Gernheimer Kaffeesalon“ ein neues Angebot für Senior:innen. Neue Tastmodelle, etwa vom „Paderborner Dorf“ im LWL-Museum Hellerlecht, eröffnen blinden und sehbehinderten Menschen eigene Zugänge. Und das Heft „LWL-Museen im Überblick“ in Leichter Sprache macht Informationen verständlicher zugänglich.
All das belegt: Kultur gestaltet gesellschaftliche Entwicklungen aktiv mit. Sie schafft Orientierung, ohne einfache Antworten zu geben. Gerade in einer Zeit rascher Veränderungen ist sie für viele Menschen ein verlässlicher Ort des Dialogs.
Diesen Weg wollen wir weitergehen – gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden, Partner:innen und den vielen Menschen, die unsere Einrichtungen mit Leben füllen. Der Kulturreport dokumentiert, was in den vergangenen fünf Jahren gelungen ist. Zugleich ist er Ansporn, diesen Weg verantwortungsvoll und mit Blick nach vorn fortzusetzen.
Ich wünsche Ihnen eine spannende und informative Lektüre!
Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, LWL-Kulturdezernentin